Der Boom ist längst sichtbar
Technologie und Internet treiben Produktivität, Investitionen und Aktienkurse. Bewertungen sind bereits anspruchsvoll. Wer damals allein deshalb ausgestiegen ist, war dennoch deutlich zu früh.
Der AI-Boom ist real. Die Gewinne vieler Unternehmen sind real. Gleichzeitig steigen Bewertungen, Investitionen und die Abhängigkeit der großen Indizes von wenigen Unternehmen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändert – sondern wie viel dieser Veränderung in den heutigen Kursen bereits vorweggenommen wird.
Diese Seite dient ausschließlich der allgemeinen Information und Einordnung von Kapitalmarktthemen. Sie stellt weder eine individuelle Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf, Verkauf oder Halten bestimmter Finanzinstrumente dar. Welche Strategie und welche konkrete Umsetzung geeignet sind, wird ausschließlich im persönlichen Beratungsgespräch anhand der individuellen Situation beurteilt.
Die zentralen Gedanken dieser Markteinschätzung habe ich auch als Video zusammengefasst. Wer lieber zuhört, kann hier direkt starten. Die ausführliche Einordnung mit den Hintergründen zu 1997, 1999, dem Dotcom-Crash und der heutigen AI-Dynamik folgt darunter weiterhin in Textform.
Ende der 1990er-Jahre begann das Internet Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend zu verändern. Produktivität und Unternehmensinvestitionen stiegen, neue Geschäftsmodelle entstanden und Technologieaktien wurden zu den wichtigsten Treibern der Börse. Das Entscheidende: Die Technologie war nicht eingebildet. Das Internet war tatsächlich eine Revolution.
Trotzdem entstand aus einer richtigen langfristigen Idee irgendwann eine Übertreibung. Erwartungen, Investitionen und Bewertungen liefen der wirtschaftlichen Realität immer weiter voraus.
Technologie und Internet treiben Produktivität, Investitionen und Aktienkurse. Bewertungen sind bereits anspruchsvoll. Wer damals allein deshalb ausgestiegen ist, war dennoch deutlich zu früh.
Nach den Krisen von 1998 beschleunigt sich die Rally. Zwischen September 1998 und März 2000 steigt der Nasdaq laut IMF um rund 170 %. 1999 allein gewinnt er rund 86 %.
Am 10. März 2000 erreicht der Nasdaq seinen damaligen Höhepunkt bei rund 5.048 Punkten. Als Erwartungen und Finanzierung nicht mehr zusammenpassen, beginnt die Bereinigung.
Im Oktober 2002 liegt der Nasdaq rund 77 % unter seinem Höchststand. Viele Unternehmen verschwinden. Das Internet setzt seinen Siegeszug trotzdem fort.
Genau darin liegt die Parallele, die heute interessant ist. Die Frage ist nicht, ob AI eine bedeutende Technologie ist. Die Frage ist, ob jede heutige Investition, jedes Geschäftsmodell und jede Bewertung am Ende die Erwartungen erfüllen kann.
Genau deshalb ist die heutige Lage schwieriger als eine einfache „Blase oder keine Blase?“-Frage. Die großen AI-Profiteure verdienen sehr viel Geld. Gleichzeitig sind Erwartungen und Kapitalbindung enorm.
Eine Technologie kann die Welt verändern und eine fantastische Zukunft haben – und einzelne Aktien oder ganze Teilbereiche können trotzdem deutlich zu teuer sein. Technologieerfolg und Anlegererfolg sind nicht automatisch dasselbe.
Kein großer Technologieanbieter kann es sich leisten, beim Aufbau von AI-Infrastruktur einfach abzuwarten. Genau daraus kann ein klassisches Investitionsproblem entstehen: Für jeden einzelnen Teilnehmer ist Investieren rational. Für den Gesamtmarkt kann trotzdem Überkapazität entstehen.
Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle planen laut Reuters/S&P 2026 gemeinsam Investitionen in einer Größenordnung von rund 750 Milliarden US-Dollar.
Reuters bezifferte die noch nicht begonnenen Leasingverpflichtungen fünf großer Tech-Konzerne – weitgehend für Rechenzentren – auf rund 1,09 Billionen US-Dollar.
Entscheidend ist nicht, wie viele Chips gekauft werden. Entscheidend ist, ob die Nutzer der Infrastruktur daraus langfristig genügend zusätzliche Cashflows und Produktivitätsgewinne erzielen.
Auch neue Finanzierungsmodelle verdienen Aufmerksamkeit. Nvidia hat 2026 ein Programm zur Unterstützung kleinerer AI-Cloud-Anbieter vorerst pausiert, nachdem Investoren Sorgen über potenziell zirkuläre Finanzierungsstrukturen geäußert hatten. Das ist kein Beweis für eine Blase – für mich aber ein gelbes Warnlicht, das beobachtet werden sollte.
Ich halte es für unseriös, aus diesen Beobachtungen einen exakten Wendepunkt abzuleiten. Mehrere sehr unterschiedliche Entwicklungen sind plausibel.
AI-Nachfrage und Unternehmensgewinne wachsen weiter. Die großen US-Technologieunternehmen dominieren noch mehrere Jahre. Wer heute breiter aufstellt, kann in diesem Szenario gegenüber einem MSCI World oder S&P 500 deutlich Rendite liegen lassen.
Es gibt keinen großen Crash. Stattdessen steigen andere Regionen und Unternehmensgrößen stärker, während Mega-Cap-Bewertungen seitwärts normalisieren. Die Marktbreite nimmt zu.
AI bleibt technologisch erfolgreich, aber nicht alle Unternehmen verdienen ihre Investitionen zurück. Überkapazitäten, fallende Compute-Preise oder schwächere Margen führen zu einer deutlichen Neubewertung.
Der Gesamtmarkt wirkt für mich derzeit eher wie eine späte 1997-/1998-Phase als wie das unmittelbare Ende des Jahres 1999. Einzelne Bereiche des AI- und Mega-Cap-Komplexes zeigen allerdings bereits Merkmale, die wesentlich später im Zyklus liegen könnten. Das ist keine Prognose – sondern der Grund, warum ich Konzentrationsrisiken heute bewusster betrachte.
Eine breitere Aufstellung bedeutet für mich nicht automatisch weniger Aktien und schon gar nicht eine Wette gegen die USA. Es geht darum, das langfristige Ergebnis nicht von einer einzigen Marktgeschichte abhängig zu machen.
Die folgenden sechs Felder zeigen beispielhaft, wie unterschiedliche Regionen, Unternehmensgrößen und Sachwerttreiber zusammengedacht werden können. Sie sind ausdrücklich keine Zielgewichtung und keine Produktempfehlung.
Die führenden US-Unternehmen bleiben ein wichtiger Wachstumsmotor. Breiter aufstellen bedeutet nicht, ihre Stärke zu ignorieren.
Andere Branchenstrukturen, mehr Industrie, Finanzwerte, Gesundheit und etablierte globale Unternehmen reduzieren die Abhängigkeit von US-Mega-Caps.
Langfristige Wachstums- und Demografietreiber bleiben attraktiv. Gleichzeitig muss man sich der hohen Halbleiter-, China-, Taiwan- und Korea-Risiken bewusst sein.
Viele tausend kleinere und mittlere Unternehmen verbreitern die Unternehmensbasis. Sie sind aber kein Crash-Schutz und können in Rezessionen stärker schwanken.
Edelmetall- und Goldminenexposure kann andere Renditetreiber ins Depot bringen. Minenaktien bleiben allerdings Aktien und können sehr stark schwanken.
Energie, Industriemetalle und Agrarrohstoffe reagieren auf andere wirtschaftliche Faktoren und können insbesondere in Inflations- und Angebotsschocks eine andere Rolle spielen.
Wenn US-Mega-Caps und AI-Aktien die kommenden Jahre weiter dominieren, kann eine breitere Strategie deutlich schlechter abschneiden als ein MSCI World. Das ist kein Fehler der Diversifikation, sondern ihr Preis: Man verzichtet bewusst darauf, das gesamte Ergebnis von genau dem Szenario abhängig zu machen, das zuletzt am besten funktioniert hat.
Dieselbe Markteinschätzung muss nicht für jeden Anleger zur selben Handlung führen. Entscheidend ist, wann Kapital benötigt wird, wie flexibel dieser Zeitpunkt ist und welche zwischenzeitlichen Verluste finanziell und emotional getragen werden können.
Bei einem kurzen Horizont kann eine größere Korrektur unmittelbar vor dem geplanten Kapitalbedarf problematisch sein. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass das gesamte Vermögen defensiv werden muss.
Das kann vollkommen legitim sein. Wenn die Märkte weiter steigen, kann diese Variante erheblich mehr Rendite liefern. Man akzeptiert dann bewusst das Risiko, dass genau vor dem Kapitalbedarf eine deutliche Korrektur auftritt und das Geld nicht zum optimalen Zeitpunkt zur Verfügung steht.
Kapital, das sicher in den kommenden Jahren benötigt wird, kann separat und schwankungsärmer gehalten werden. Tages- und Festgeld oder kurze Laufzeiten können dabei eine Rolle spielen. Der langfristige Teil des Vermögens kann trotzdem investiert bleiben.
Dieser Bereich ist am schwierigsten. Fünf bis zehn Jahre sind lang genug, um Aktienrenditen zu nutzen, aber nicht lang genug, um jede denkbare Marktphase einfach zu ignorieren.
Auch hier kann das die richtige Entscheidung sein – besonders wenn der Zeitpunkt des Kapitalbedarfs flexibel ist und Verluste ausgesessen werden können. Man setzt bewusst darauf, dass zwischenzeitliche Rückschläge bis zur Verwendung ausreichend aufgeholt werden.
Ein Teil des Vermögens kann für konkrete geplante Ausgaben stabiler gehalten werden, während der Rest weiter am Kapitalmarkt arbeitet. Je flexibler der Kunde, desto höher kann der langfristige Investitionsanteil bleiben.
Je länger der Horizont, desto weniger sinnvoll erscheint mir der Versuch, den nächsten Crash zu timen. Dann wird wichtiger, ob das Portfolio breit genug aufgestellt ist und ob der Anleger es auch in schwierigen Marktphasen durchhalten kann.
Bei langem Horizont kann ein voll investiertes Portfolio sehr sinnvoll sein. Auch wenn eine Korrektur kommt, bleibt Zeit für Erholung, Rebalancing und weitere Sparraten. Entscheidend ist, nicht in der Krise die Strategie zu verlassen.
Hier geht es weniger um „weniger Risiko“ als um weniger Abhängigkeit von einzelnen Regionen, Mega-Caps oder Trends. Eine breitere Struktur kann zeitweise hinter dem MSCI World liegen und trotzdem strategisch sinnvoll sein.
Anlagehorizont, Liquiditätsbedarf, bestehendes Vermögen und persönliche Risikotragfähigkeit bestimmen, welche Aufstellung sinnvoll ist. Die konkrete Strategie und Produktauswahl gehören deshalb in das persönliche Beratungsgespräch.
Depot gemeinsam einordnen